Hitze am Arbeitsplatz

Mehr als heiße Luft

Dunkle Flachdächer aus Stahlbeton, Wände ohne Außendämmung: So sind alte Industriebauten oft konstruiert. Im Sommer kann die Arbeit dort zur Qual werden. Das war auch bei Smurfit Westrock so. Wie hat der Verpackungskonzern gegengesteuert? Fragen an den Gesamtbetriebsrats­vorsitzenden Uwe Knorr.

Interview: Michaela Böhm

Wie erklärst du jemandem, der noch nie ein Wellpappenwerk besucht hat, die dortigen Arbeitsbedingungen im Sommer?

Uwe Knorr: Ich habe vor meiner Freistellung jahrelang als Schlosser im Werk gearbeitet, oft oben auf der Brücke der Wellpappanlage. Wellpappe wird mit Wasserdampf produziert. Im Sommer sind dort 40 Grad und es herrscht eine brutale Luftfeuchtigkeit. Der Schweiß läuft in Strömen. Aber man kennt es nicht anders und gewöhnt sich daran.  

Also kein Problem?

Uwe Knorr: Und ob. Mit dem Klimawandel und den Hitzesommern hat sich die Situation zugespitzt. Gleichzeitig ist der Arbeitsschutz zum Glück stärker in den gesellschaftlichen Fokus gerückt. Im Rückblick bewerte ich die Arbeit auch anders. Es ist fast nicht zumutbar, bei solchen Temperaturen zu arbeiten und dabei volle Leistung zu bringen. Die Hitze war ein dickes Thema auf jeder Sitzung des Gesamtbetriebsrats – über Jahre. Jetzt nicht mehr.  

Was hat das Unternehmen versucht?

Uwe Knorr: In einem Werk pumpte man durch dicke Schläuche Wasser auf das Flachdach. Ähnlich der Bewässerung auf Feldern. Aber das hat außer einem hohen Wasserverbrauch nicht viel gebracht. Die Hitze ist trotzdem ins Gebäude eingedrungen. Stalllüfter, also große Ventilatoren, wie sie in Kuhställen verwendet werden, damit die Milchleistung der Tiere nicht sinkt, hat Smurfit nicht eingesetzt. Die verwirbeln doch nur die heiße Luft.  

Was hat die Situation verbessert?

Uwe Knorr: In einem Werk gab es tatsächlich den Durchbruch. Dort wurden sogenannte Cold-Stream-Geräte installiert. Dicke Schläuche, die unter der Decke hängen, saugen heiße Luft an und führen kühle Luft in die Halle. Das funktioniert gut, die Geräte kühlen wirklich. Das Problem ist allerdings, dass man dazu eine bestimmte Deckenhöhe braucht, die Anlage fest verbaut ist und die Geräte teuer sind. Wegen des hohen Energieverbrauchs scheiden übrigens auch Klimaanlagen aus. Das sähe anders aus, wenn auf den Dächern Photovoltaik installiert würde.  

Eine gute Lösung, aber nicht übertragbar?

Uwe Knorr: Tatsächlich muss man die jeweiligen baulichen Gegebenheiten in den Werken berücksichtigen. Was wirklich Abhilfe geschaffen hat, sind die mobilen Kühlgeräte. Die haben einen Durchmesser von rund drei Metern, wiegen 120 Kilogramm, stehen auf Rollen und funktionieren so: Der Luftstrom wird über Ventilatoren durch mit Wasser benetzte Waben gesaugt. Dabei verdunstet der Wasserfilm auf der Oberfläche und es entsteht Kühle. Die Temperatur sinkt tatsächlich um einige Grad. Wir im Werk Brühl haben sechs dieser Verdunstungskühler. Die werden von Anfang Juni bis Ende September aufgestellt und bei einer Außentemperatur ab 25 Grad angeschaltet. Nach einem Test der Geräte an einem Standort und positiver Rückmeldung der Belegschaft hat Smurfit weit über 100 Kühler für die Werke angeschafft.  

Die beste Lösung, sagst du, habt ihr in Brühl?

Uwe Knorr: Smurfit baute 2023 ein neues Gebäude und installierte eine neue Wellpappanlage. Die läuft als geschlossenes System: Die Hitze strömt nicht in die Halle, sondern wird abgesaugt. Das entspricht auch der Maßnahmenhierarchie in §4 Arbeitsschutzgesetz. Dort steht: Die Gefahren sind an der Quelle zu bekämpfen. Die Rangfolge sieht erst technische Schutzmaßnahmen vor, danach organisatorische, schließlich personenbezogene.  

Welche Maßnahmen werden noch angewendet?

Uwe Knorr: Steigen die Temperaturen auf 28 Grad in der Produktion, gibt es zusätzlich bezahlte Pausen von zwei Mal 15 Minuten. Hallentore werden geöffnet, um Durchzug zu schaffen. Weil die Produktion höchsten Hygienestandards entsprechen muss, gibt es Insektenschutzgitter an den Türen und Fenster. Selbstverständlich werden regelmäßig Gefährdungsbeurteilungen durchgeführt. Rotation gibt schon der Schichtbetrieb vor, sodass niemand dauerhaft in der Spätschicht mit den belastendsten Temperaturen am Nachmittag arbeiten muss. Und außerdem bucht die Firma an heißen Tagen zum Schichtwechsel einen Eiswagen. Das Eis bezahlt die Firma.   

Whitepaper Neu im BR 2026 1200x630_IW

Quelle

Die Technischen Regeln für Arbeitsstätten (ASR A3.5) regeln Raumtemperatur für Werkstätten und Produktion, Büros, Kantine, Pausen- und Sanitärräume.

AiB Audio