Die Ergebnisse sind ausgezählt, die neuen Mitglieder kommen zur konstituierenden Sitzung zusammen. Wie sollte es auf keinen Fall laufen?
Simone Hocke: Niemand stellt sich vor. Die Sitzung verläuft wie immer. Kurze Debatte, abstimmen, weiter geht es Punkt für Punkt. Als sich eine Neue traut, eine Frage zu stellen, verdrehen die langjährigen Betriebsratsmitglieder die Augen. Aus ihrer Sicht kommen alle vier Jahre Grünschnäbel ins Gremium und man muss von vorn anfangen. Aber dazu fehlt die Zeit. Und die Neuen glauben, man könnte jetzt im Betrieb mitbestimmen. Als ob sie wüssten, was rechtlich möglich ist und was nicht.
Das ist überzeichnet, oder?
Simone Hocke: Ich hoffe. Wenn es schlecht läuft, werden sie auch noch in die ungeliebten Ausschüsse reingewählt.
Was läuft da schief?
Simone Hocke: Die Kunst besteht darin, die Neuen nicht zu demotivieren. Sie in ein bestehendes Gremium zu integrieren, ist ein gegenseitiger Lernprozess, keine Einbahnstraße. Die erfahrenen Betriebsratsmitglieder tun gut daran, den Zuwachs als Entwicklungschance fürs Gremium zu begreifen. Denn mit den Neuen kommen im besten Fall auch Ideen für mehr Beteiligung, digitale Formate und Kenntnisse aus bisher im Gremium nicht vertretenen Abteilungen. Der Betriebsrat braucht über die Amtszeiten hinweg beides – Kontinuität und Innovation.
Wie sieht eine ideale Integration aus?
Simone Hocke: Ideal wäre eine Hospitationsphase von drei bis sechs Monaten. In dieser Zeit können die Neuen in alle Ausschüsse und Arbeitsgruppen reinschnuppern und überlegen, für welches Thema sie brennen. Danach sollten der oder die Vorsitzende und die Stellvertretung ein Entwicklungsgespräch führen. Wer bringt welche Kompetenzen und Interessen mit? Wohin möchte sich jemand entwickeln? Idealerweise berücksichtigen die Bildungsplaner*innen des Betriebsrats diese Wünsche nach Qualifizierung. Für selbstverständlich halte ich die Grundschulungen BR 1 bis 4, die jedes neue Betriebsratsmitglied durchlaufen sollte.
Wie gelingt es, das implizite Wissen zu vermitteln? Jemand weiß, wie’s geht, kann aber das Wie nicht erklären.
Simone Hocke: Das Paten-/Patinnen-Modell eignet sich für die Vermittlung des impliziten Wissens am besten. Jedes neue Mitglied bekommt eine erfahrene Person aus dem Betriebsrat an die Seite. Diese Person kann man alles fragen. Sie begleitet man zu Terminen, Ausschüssen, Gesprächen – sofern das möglich ist. Auf die Art und Weise erfährt man viel darüber, wie ein erfahrenes Betriebsratsmitglied mit der Personalabteilung spricht, welche Unterlagen zur Vorbereitung benötigt werden und vieles mehr. Inzwischen starten viele Gremien mit einer Auftaktklausur in die kommenden vier Jahre. Eine Klausur kann durchaus zwei bis drei Tage dauern, um auch abends Zeit miteinander zu verbringen und sich kennenzulernen.
Und das fachliche Wissen?
Simone Hocke: Um zu vermitteln, welche Aufgaben der Betriebsausschuss hat, welche Ausschüsse es gibt, wann sich wer trifft, was in Monatsgesprächen mit dem Arbeitgeber passiert, eignen sich Leitfäden, auch ein Organigramm oder FAQ. Und das, was ich lautes Denken nenne: den Hintergrund zu einer Entscheidung oder die strategischen Überlegungen des Betriebsrats erklären.