Geschichte der Arbeiterbewegung

Käthe, Kämpferin für Frauenrechte

Wie schwer das Leben als Frau und Kommunistin in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sein konnte, zeigt die Biografie von Käthe Popall. Zehn Jahre Zuchthaus hinderten sie jedoch nicht daran, Bremens erste Senatorin zu werden.

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„Wenn man überzeugt ist von einer Sache, dann hält man es auch für selbstverständlich, dass man sich dafür einsetzt.“ Heute mag so ein Satz wie eine Floskel aus einer Sonntagsrede klingen. Käthe Popall allerdings hat ihn mit solch einer Überzeugung gelebt, dass unverständlich ist, warum ihr Name höchstens im Bremer Umfeld bekannt ist. Dort wurde eine Straße und ein Sozialcampus nach ihr benannt, auf dem Osterholzer Friedhof erinnert eine Gedenktafel an sie. Teile ihrer Biografie werden sogar auf die Bühne gebracht.

Wer also war Käthe Popall, geborene Fürst, geschiedene Lübeck? Als Tochter des Zigarrenmachers Carl Fürst erblickt sie am 15. Februar 1907 in Bremen das Licht der Welt. Sie absolviert eine kaufmännische Lehre beim Konsumverein Vorwärts (siehe „zum Thema“); die Einstellung setzt voraus, sich gewerkschaftlich zu organisieren. Sie tritt in die Sozialistische Arbeiterjugend ein, und da ihre Eltern in der SPD sind, wird sie auch deren Mitglied. „Ich sah damals schon manche Dinge viel kritischer“, wird sie diese Zeit einmal kommentieren. 

Und sie spricht aus, was sie kritisch sieht. So beschwert sie sich über ihr erstes Lehrjahr, dieses bestehe vor allem aus Botengängen. Auch die Berufsschule bleibt den Konsum-Azubis verwehrt, die Ausbildung soll im Verein stattfinden. Zudem setzt sich die junge Frau dafür ein, dass für gleiche Arbeit gleicher Lohn gezahlt wird. Beschämend, dass diese Diskussion auch 100 Jahre später noch geführt werden muss. 

1927 tritt Käthe Lübeck zum Kommunistischen Jugendverband über, zwei Jahre später zur KPD. Im gleichen Jahr 1929 darauf wird sie Angestellte und Betriebsrätin bei der Jute-Spinnerei und Weberei Bremen. Als Kandidatin auf der Liste der Revolutionären Gewerkschafts-Opposition (RGO) gerätsie betriebsintern unter Druck, Kolleginnen unterstützen sie mit Lebensmitteln und Heizmaterial. Es ist ohnehin keine einfache Zeit als Arbeitskämpferin: In der Wirtschaftskrise will niemand den Job verlieren, die Arbeitgeber sitzen am längeren Hebel. Ihre Eltern rücken von ihr ab, weil ihnen weder ihre politische Entwicklung noch ihr erster Ehemann passen. Selbst in der Straßenbahn weichen ihr Menschen aus, weil ihre Kleidung starken Jutegeruch verströmt.

Ende 1930 wird sie für die KPD in die Bremer Bürgerschaft gewählt, gibt das Amt aber bereits im März 1931 wieder auf. Es folgen Stationen in Düsseldorf und Halle, bevor sie mit ihrem Mann 1932 nach Moskau geht, um an der Internationalen Leninschule zu studieren. Sie schafft die Aufnahmeprüfung jedoch nicht und kehrt 1934 nach Deutschland zurück. 

Einzelhaft bricht sie nicht

Dort sind in der Zwischenzeit die Nationalsozialisten an die Macht gekommen. Käthe Lübeck geht in den Untergrund und organisiert Widerstand und illegale Streiks. Im März 1935 fliegt sie auf und wird von der Gestapo verhaftet. Zu diesem Zeitpunkt ist sie gerade mal 28 Jahre alt. 

Ihr Mann trennt sich von ihr, sie wird zu zwölf Jahren Zuchthaus wegen Hochverrats verurteilt. Mehrere Jahre davon verbringt sie in Einzelhaft. „Es bedeutete Hunger ab dem ersten Tag der Haft. Er begleitete mich mehr als zehn Jahre“, berichtet sie später. Die ausführliche Beschreibung ihres Martyriums würde diesen Rahmen sprengen. 

Im Februar 1945 schließlich, der Krieg ist für die Deutschen längst verloren, schickt man sie mit anderen Gefangenen des Frauenzuchthauses Jauer auf einen Evakuierungsmarsch zum Zuchthaus Waldheim. Auf Holzpantoffeln, über vereiste Straßen: „Es war eine Qual für uns, denn wir Langjährigen hatten das Laufen verlernt“ Im Juni 1945 wird sie schließlich in Sachsen von der Roten Armee befreit. Sie kehrt zu Fuß nach Bremen zurück.

Nur einen Monat später, am 23. Juli 1945, ernennt die Militärregierung sie zur ersten Senatorin in der bremischen Geschichte. Am 17. April 1946 wird sie Mitglied der ernannten Bürgerschaft, am 13. Oktober 1946 in die Bremer Bürgerschaft gewählt. Bereits Anfang des Jahres hat sie Reinhold Popall geheiratet, einen Kommunisten, Werftarbeiter und Betriebsrat bei der AG Weser-Werft. Sie hatte ihn auf dem Fußmarsch zurück in ihre Heimat kennengelernt. 

Sie wird ausgegrenzt - und hochgelobt

Ruhiger wird es auch in der Folgezeit nicht. Bürgermeister Wilhelm Kaisen betraut sie mit dem Gesundheitsressort. Wie die SPD Bremen berichtet, verweigert die Bremer Ärzteschaft die Zusammenarbeit mit ihr jedoch weitgehend – weil sie eine Frau und eine Kommunistin ist. 

Sie übernimmt den Bereich Flüchtlingswesen, doch auch damit ist im Januar 1948 Schluss: Die US-Amerikaner und die Bremer Demokratische Volkspartei (BDV) lehnen nach den Senatswahlen 1947 eine weitere Kooperation mit Kommunisten ab. Zumindest bleibt sie noch drei Jahre in der Bürgerschaft. Das Urteil Kaisens über sie fällt zwar sprachlich umständlich, aber doch eindeutig aus: „Wenn sich also zum ersten Male in der Geschichte des bremischen Senats unter den Gewählten eine Frau befand, so hat diese Frau die Probe glänzend bestanden.“

Die westdeutsche KPD gerät in der Folge immer stärker unter den Einfluss des Stalinismus, was weder Käthe Popall noch ihrem Mann behagt. Er gibt sein Parteibuch 1952 zurück und kommt damit einem Ausschluss zuvor. Seine Frau Käthe wird aufgefordert, sich von ihm zu trennen oder die Partei zu verlassen. Beides macht sie nicht. Ihr eigenes Ausschlussverfahren scheitert, weil der Widerstand an der Basis zu groß ist. Sie wird lediglich gerügt, bleibt jedoch politisch isoliert. 1956 endet schließlich auch ihre Mitgliedschaft in der KPD, die sie immer als ihre Heimat verstanden hat.

Nun wird es tatsächlich ruhiger um sie. 1967 zieht die Familie nach Ottweiler-Lautenbach ins Saarland. Käthe Popall tritt in die SPD ein, arbeitet in der Arbeiterwohlfahrt und bei den örtlichen Naturfreunden mit. 1982 wird sie im Bremer Rathaus durch den Präsidenten des Senats Hans Koschnick empfangen. Ihr Mann ist ein Jahr zuvor gestorben. Sie selbst kehrt 1984 nach Bremen zurück und stirbt kurze Zeit später an Lungenkrebs.

Bei der Enthüllung einer Gedenktafel 2021 würdigt der Bremer Bürgermeister Dr. Andreas Bovenschulte Käthe Popall als „eine starke und mutige Persönlichkeit, die über alle Parteigrenzen hinweg geachtet war“. Sie habe sich auch durch zehn Jahre Zuchthaus und Konzentrationslager nicht beugen lassen, sondern immer konsequent für eine bessere Welt gekämpft. Die Gedenktafel sei ein „Zeichen gegen das Vergessen“. Gleiches gilt für diesen Text.

 

Tipps zum Vertiefen:

„Käthe Popall – Ein schwieriges politisches Leben. Erzählte Geschichte“ von Peter Alheit und Jörg Wollenberg, Verlag Atelier im Bauernhaus, Fischerhude (nur noch antiquarisch erhältlich).

Am Donnerstag, 10. September 2026, befasst sich eine szenische Lesung der „bremer shakespeare company“ am Theater am Leibnizplatz mit drei „Karrieren in Bremen nach 1945“, darunter auch jene von Käthe Popall. Weitere Informationen sind hier abrufbar.

Autor des Artikels

Autorenbild David Schahinian

David Schahinian

Der freie Journalist David Schahinian arbeitet seit 2010 für Tageszeitungen, Fachverlage, Verbände und Unternehmen. Er berichtet vorwiegend über Technik- und Personalthemen sowie über Betriebsratsarbeit und Arbeitsrecht.

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