Überlastung

Quiet Cracking: Wenn die Motivation leise zerbricht

Die wenigsten Beschäftigten kündigen bei Überlastung sofort ihren Arbeitsvertrag. Manche erledigen weiterhin ihre Aufgaben und wirken nach außen engagiert, fühlen sich innerlich aber längst abgekoppelt vom Job. Wie kommt es dazu?

Die Arbeitswelt hat mal wieder einen neuen Begriff geprägt: „Quiet Cracking“ beschreibt einen Prozess, der die Zufriedenheit Beschäftigter von Grund auf untergräbt. Dieser Prozess bildet sich selten in Leistungskennzahlen ab und führt nicht zwangsläufig zur Kündigungsabsicht, zerstört aber langfristig Motivation und Leistungsfähigkeit. Die Mitarbeitenden leiden still unter Überlastung, sehen keine Perspektiven für die eigene Entwicklung, fühlen sich übersehen, überhört, nicht gefördert.

Die US-amerikanische Content Creatorin Jess Ramos beschreibt das Dilemma vieler Betroffener auf Instagram so: „Du hast das Gefühl, in deinem Job nicht weiterzukommen und hast Angst, gekündigt zu werden. Gleichzeitig willst du in dieser Wirtschaftslage nicht selbst kündigen – also leidest du im Stillen.“ 

Folgt auf die Great Resignation – der in einigen Berufen bzw. Branchen diagnostizierten Kündigungswelle in und nach den Jahren der Corona-Pandemie – der schleichende innere Rückzug vieler Beschäftigter von ihrem Arbeitgeber? Fest steht: Auch in Deutschland überlegen sich Arbeitnehmer*innen momentan zweimal, ob sie kündigen sollen, weil sich mit der Wirtschafts- die Arbeitsmarktlage gewandelt hat: Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung stagnieren auf hohem, die Nachfrage nach Arbeitskräften und die Zahl der offenen Stellen auf niedrigem Niveau. Dass Unternehmen zurzeit weniger mit spontanen Kündigungswellen kämpfen als mit schleichender Demotivation, Vertrauensverlust und wachsender innerer Distanz von Mitarbeitenden, klingt da plausibel.

Quiet Cracking scheint mehr als ein Buzzword zu sein. Eine repräsentative Studie der Pronova BBK (Studie | Arbeiten 2025) weist das stille Leiden als weit verbreitetes, teils noch unterschätztes Phänomen hierzulande aus: 29 Prozent der Befragten geben an, schon einmal davon betroffen gewesen zu sein. Bei Jüngeren ist der Anteil besonders hoch: 40 Prozent der unter 30-Jährigen bejahen die entsprechende Frage. Hinter der Fassade funktionierender Angestellter verbirgt sich in immer mehr Fällen eine Krise.

Ein unterschätztes Phänomen

Als modernes Arbeitsleiden ist Quiet Cracking den Ergebnissen der Pronova-Studie nach beispielsweise weiter verbreitet als die innere Kündigung, die nach eigenen Angaben 24 Prozent der Befragten schon mal vollzogen haben. Als Hauptgründe für ihr Befinden nennen 42 Prozent der Quiet-Cracking-Betroffenen ein zu hohes Stressaufkommen. 40 Prozent vermissen Wertschätzung am Arbeitsplatz. Für 29 Prozent sind Überstunden, Schichtarbeit und ständige Erreichbarkeit das Problem.

Warum die stille Überlastung so gefährlich ist, erläutert Patrizia Thamm, Wirtschaftspsychologin bei der Pronova BKK: „Quiet Cracking verläuft schleichend und oft unbemerkt. Die Betroffenen funktionieren nach außen weiter, sind innerlich aber bereits erschöpft oder ausgebrannt. Die Überlastung bleibt für Führungskräfte und Kollegen lange unerkannt. Deshalb greift Prävention häufig zu spät.“ 

Dass es sich bei Quiet Cracking um ein internationales, vor allem in den USA vieldiskutiertes Phänomen handelt, zeigt die Studie des Weiterbildungsanbieters Talent LMS (Quiet Cracking: The Hidden Crisis Silently Reshaping Work) aus dem vergangenen Jahr: Unter 1000 US-amerikanischen Angestellten verschiedener Branchen erlebten mehr als die Hälfte Symptome von Quiet Cracking; jeder Fünfte war sogar häufig oder dauerhaft betroffen. Und in einem E-Guide der Personalberatung Robert Walters zu den prägenden „Talent Trends“ des Jahres 2026 (Global Talent Trends: What’s Shaping Recruitment Today | Free Guide ) wird zuerst „Der Aufstieg des Quiet Cracking“ vorgestellt.

Häufigste Ursachen für Quiet Cracking

  • Dauerhafte Arbeitsverdichtung/Überlastung
  • Zukunftsängste durch ökonomischen Druck und unsichere Märkte
  • Fehlende Wertschätzung
  • Erlebte Ungerechtigkeit (z. B. bei Beförderungen)
  • Intransparente Kommunikation
  • Mangelnde Orientierung durch unklare Erwartungen
  • Führungsschwäche
  • Unzureichende Entwicklungsperspektiven
  • Konflikte ohne Klärung

Was unterscheidet Cracking von Quitting?

Quiet Cracking und Quiet Quitting klingen zurecht verwandt: Beide Begriffe beschreiben Entwicklungen, die mit der Unzufriedenheit im Arbeitsalltag in Verbindung stehen. Betroffene verändern ihr Verhalten, allerdings auf unterschiedliche Weise. Bei Quiet Quitting reduzieren Mitarbeitende ihren Einsatz bewusst auf das vertraglich notwendige Maß. Sie erledigen zwar ihre Aufgaben weiterhin, verzichten jedoch auf Überstunden, zusätzliche Projekte oder freiwillige Mehrarbeit. Prinzip Dienst nach Vorschrift.

Dagegen wirkt Quiet Cracking subtiler: Der Begriff beschreibt einen Zustand, in dem die Mitarbeitenden äußerlich „funktionieren“, also weiterhin ihre Aufgaben erledigen, sich jedoch innerlich zurückziehen. Das Knacken („Cracking“) symbolisiert genau diese innere Rissbildung. Ein leiser, kaum wahrnehmbarer Prozess, der sich dennoch spürbar auf die Arbeitsatmosphäre und die Teamdynamik auswirkt. „Ein Nachlassen des Engagements tritt selten plötzlich auf. Es zeigt sich in kleinen Anzeichen – ein Team, das früher Ideen hinterfragte, meldet sich nicht mehr zu Wort, oder die Person, die sich immer freiwillig gemeldet hat, hält sich plötzlich zurück“, erläutert Phill Brown, Global Head of Market Intelligence bei Robert Walters. 

Im Gegensatz zu Burnout kommt es beim Quiet Cracking nicht zum plötzlichen Zusammenbruch, im Vergleich zum Quiet Quitting fehlt der bewusste Rückzug. Quiet Cracking bleibt lange unentdeckt, weil die äußere Leistung intakt erscheint.

Symptome von Quiet Cracking:

  • Emotionaler Rückzug und sinkende Konzentration 
  • Erledigung von Aufgaben ohne Begeisterung
  • Zunehmender Zynismus gegenüber Prozessen oder Entscheidungen
  • Nachlassende Frustrationstoleranz und erhöhte Reizbarkeit
  • Abnehmende Eigeninitiative, weniger kreative Impulse
  • Rückzug aus informellem Austausch und Teamdynamiken

Vielfältige Ursachen, weitreichende Folgen

Quiet Cracking entsteht in der Regel nicht durch einen einzelnen, zentralen Auslöser. Meist ist es das Ergebnis dauerhafter, hoher Belastung in Kombination mit strukturellen und kulturellen Faktoren (siehe "Häufigste Ursachen" oben). Es tritt nicht selten dort auf, wo hohe Erwartungen auf enge Zeitpläne treffen und gleichzeitig Wertschätzung oder Entwicklungsperspektiven rar sind. Die Mitarbeitenden sehen sich nicht mehr mit ihrem aktuellen Arbeitgeber verbunden. 

Darauf deuten zumindest Daten aus den USA hin. So fühlen sich laut der Talent-LMS-Studie 82 Prozent der Befragten in ihrem aktuellen Job sicher, aber nur 62 Prozent glauben an eine Zukunft im Unternehmen. 18 Prozent sehen gar keine Perspektive. Statt sich weiterzuentwickeln, gewinnen sie den Eindruck, auf der Stelle zu treten. Fehlende Anerkennung wirkt dabei wie ein Katalysator: 80 Prozent der zufriedenen Beschäftigten fühlen sich wertgeschätzt. Bei Quiet-Cracking-Betroffenen sinkt dieser Wert auf 26 Prozent.

So lautlos der Rückzug dieser Personen vonstatten geht, er macht sich doch bemerkbar. Auf Dauer lassen auch bei Quiet Cracking Leistung und Engagement nach, die Innovationsbereitschaft sinkt, Fehlerquoten steigen. Wenn einzelne Mitarbeitende leise zerbrechen, geht das also zulasten der Produktivität. Kreativität und Loyalität – ihrer eigenen, aber oft auch der ihres beruflichen Umfelds.  

Angesichts seiner Verbreitung kann Quiet Cracking also neben individuellem auch erheblichen betriebs- und volkswirtschaftlichen Schaden anrichten. Wobei das Phänomen am Ende wohl nicht ganz so teuer ist wie Quiet Quitting und innere Kündigungen: Schätzungen des Markt- und Meinungsforschungsinstituts Gallup zufolge kosten demotivierte Beschäftigte die Weltwirtschaft jährlich hunderte Milliarden US-Dollar.

HInweis: Dies ist der erste von zwei Beiträgen über Quiet Cracking. In den nächsten Tagen lest Ihr hier, wie Betriebsräte Quiet Cracking frühzeitig erkennen und was sich dagegen tun lässt – nicht zuletzt durch die Nutzung von Mitbestimmungsrechten. 

Autorin des Artikels

Autorinnenbild Bettina Schönherr

Bettina Schönherr

Die Kommunikationsexpertin Bettina Schönherr ist seit rund 20 Jahren als freie Autorin tätig. Im Schwerpunkt schreibt sie über Marketing, Personalmanagement sowie Wirtschaft und hier speziell über die Branchen Automobil und Chemie.

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